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BQS-Bundesauswertung 2009
Pflege: Dekubitusprophylaxe
Risikoadjustierung mit LOGDEK-Score I und II
Dekubitusprophylaxe
Risikoadjustierung mit dem logistischen Dekubitus-Score I (Dekubitus Grad 2
bis 4 bei Entlassung) und dem logistischen Dekubitus-Score II (Dekubitus bei
Entlassung)
Dr. Marcus Kutschmann
BQS Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH, Düsseldorf
1. Einleitung
Nach einem Krankenhausaufenthalt wird eine niedrige Rate an neu entstandenen
Dekubitalulzera als wichtiger Qualitätsindikator im Bereich Pflege betrachtet. Die Rate eines
Krankenhauses hängt dabei nicht allein von der Qualität der Pflege ab, sondern
wird durch patientenbezogene Risikofaktoren, wie z. B. Diabetes mellitus oder das Alter
der Patienten beeinflusst. Das Ergebnis eines Krankenhauses hängt also auch davon ab,
welches Risikoprofil die Patienten eines Krankenhauses haben. Ein Krankenhaus, in dem
sehr häufig Hoch-Risiko-Patienten behandelt werden, lässt in der Regel eine höhere Rate an
neu entstandenen Dekubitalulzera erwarten als ein Krankenhaus mit wenig Hoch-Risiko-
Patienten. Ein schlechteres Ergebnis muss in solchen Fällen nicht automatisch eine
schlechtere Qualität der Versorgung bedeuten. Erst eine angemessene Berücksichtigung
unterschiedlicher Risiken im Patientenmix sorgt für einen fairen Vergleich. Hierzu werden
risikoadjustierte Qualitätsdarstellungen genutzt. Um einen möglichen gemeinsamen Einfluss
mehrerer Risikofaktoren zu erkennen und zu gewichten, können multiple logistische
Regressionsmodelle eingesetzt werden, deren Ergebnisse in einem weiteren Schritt zur
Berechnung risikoadjustierter Raten verwendet werden können.
Bei der BQS werden schon seit dem Erfassungsjahr 2004 für den Leistungsbereich „Isolierte
Koronarchirurgie" mit dem KCH-Score, wie auch seit 2005 in der Gefäßchirurgie mit den
Karotis-Scores I und II, eigens entwickelte Risikoadjustierungsverfahren auf der Grundlage
aktueller Daten eingesetzt. Im Leistungsbereich Pflege wurde ein Risikoadjustierungsverfahren
erstmalig im Erfassungsjahr 2007 verwendet.
2. Logistische Dekubitus-Scores: LOGDEK-Score I und LOGDEK-Score II
Entwicklung und Interpretation der Modelle
Für einen möglichst fairen Krankenhausvergleich, bei differenzierter Sichtweise auf
unterschiedliche Patientenrisiken, initiierte die BQS-Fachgruppe Pflege die Entwicklung
zweier Modelle zur Betrachtung risikoadjustierter Raten.
Im ersten Modell (LOGDEK-Score I) wird dabei eine möglichst niedrige Rate
an allen neu entstandenen Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 als Qualitätsziel betrachtet.
Im zweiten Modell (LOGDEK-Score II) werden alle neu entstandenen
Dekubitalulzera (Grad 1 bis 4) für einen Krankenhausvergleich herangezogen.
Das Ereignis "Neu entstandener Dekubitus Grad 2 bis 4" ist dabei definiert als:
[Dekubitus bei Aufnahme = 0 ("kein Dekubitus bei Aufnahme") UND Grad des Dekubitus bei
Entlassung >= 2]. Ein "Neu entstandener Dekubitus (Grad 1 bis 4)" liegt vor, falls gilt:
[Dekubitus bei Aufnahme = 0 ("kein Dekubitus bei Aufnahme") UND Dekubitus bei
Entlassung = 1 ("Dekubitus bei Entlassung")].
Beide Modelle wurden erstmalig auf Grundlage des Datenpools der BQS-Bundesauswertung
2007 entwickelt. Eine Überprüfung anhand der Bundesdaten 2009 ergab die Notwendigkeit
eine Re-Modellierung. Als Grundgesamtheit wurden alle 1.009.989 Patienten aus 1.747
Krankenhäusern betrachtet, für die gültige Datensätze zur Dekubitusneuentstehung vorlagen.
Potenzielle Risikofaktoren wurden durch die Kompetenz der BQS-Fachgruppe Pflege sowie
mittels Leitlinien- und Literaturstudium ermittelt. So wurden die folgenden möglichen Risiko-
faktoren auf ihren Einfluss auf die Neuentstehung von Dekubitus untersucht: Mikrobewegungen
bei Aufnahme, Mikrobewegungen bei Entlassung, Diabetes mellitus, Alter, kontinuierliche
Intensivbehandlung >=24h und Dauer der Intensivbehandlung.
Unter Verwendung von multiplen logistischen Regressionsmodellen lassen sich dann nicht
nur Aussagen darüber treffen, ob bestimmte Faktoren überhaupt einen Einfluss auf einen
bestimmten binären Zustand (hier: Dekubitusneuentstehung einerseits oder keine Dekubitus-
neuentstehung andererseits) eines Patienten ausüben, auch lässt sich der simultane Einfluss
dieser Risikofaktoren auf die Wahrscheinlichkeit einer Dekubitusneuentstehung quantifizieren.
Dazu wurde als erstes eine Variablenselektion nach mathematisch-statistischen Gesichts-
punkten durchgeführt, bei der zum Signifikanzniveau 5% statistisch nicht signifikante
Variablen aus der Modellbildung entfernt werden konnten. So konnte sowohl für
"Dekubitusneuentstehung Grad 2 bis 4" als auch für "Dekubitusneuentstehung (Grad 1 bis 4)"
bei gleichzeitiger Berücksichtigung der im Modell verbliebenen Risikofaktoren kein signifikanter
Einfluss für Mikrobewegungen bei Entlassung und kontinuierliche Intensivbehandlung >=24h
nachgewiesen werden. Die in Tabelle 1 definierten Variablen wurden dagegen als Risiko-
faktoren mit signifikantem gemeinsamen Einfluss auf die Dekubitusneuentstehung identifiziert.
Dass tatsächlich der gemeinsame Einfluss aller Variablen gemessen wird, zeigt sich auch am
Ausscheiden der Variablen kontinuierliche Intensivbehandlung >=24h. Denn sie wird auch
schon implizit beim Risikofaktor ”Dauer der Intensivbehandlung” in den Modellen mit berück-
sichtigt.
Zur Überprüfung der Modellgültigkeit wurde die Hosmer-Lemeshow Goodness-of-Fit-Test-
statistik verwendet. Dazu werden die für jeden Patienten aus dem Modell vorhergesagten
Wahrscheinlichkeiten, Dekubitus neu zu entwickeln, aufsteigend sortiert und in zehn gleich
große Gruppen aufgeteilt. Ob die vorhergesagte Anzahl von neu entwickelten Dekubital-
ulzera mit der tatsächlich zu beobachtenden Anzahl in den Gruppen übereinstimmt,
wird schließlich mittels eines Chi-Quadrat-Tests überprüft.
Ein Wert von 0,516 beim Modell "Dekubitusneuentstehung Grad 2 bis 4" bzw. von 0,343 beim
Modell "Dekubitusneuentstehung (Grad 1 bis 4)" für den Hosmer-Lemeshow Goodness-of-Fit-
Test lässt dabei keine signifikanten Unterschiede erkennen. Das bedeutet, dass die neu
entwickelten Risikoadjustierungsmodelle die Wahrscheinlichkeit, während des Krankenhaus-
aufenthalts Dekubitus neu zu entwickeln, gut vorhersagen.
Risikofaktor
Definition laut BQS-Datensatz
Mikrobewegungen bei Aufnahme
Hier ist nein anzugeben bei vollständiger Immobilität des
Patienten; selbst eine geringe Bewegung des Körpers oder
von Extremitäten wird nicht ohne Hilfe durchgeführt.
Diese Beschreibung entspricht der:
Stufe „vollständige Immobilität“ in der Mobilitäts-
kategorie der Braden-Skala
Stufe „voll eingeschränkt“ in der Beweglichkeitskategorie
der (modifizierten) Norton-Skala
Stufe „bewegungsunfähig“ in der Mobilitätskategorie der
Waterlow-Skala
Der Begriff „Mikrobewegungen“ ist dem nationalen Experten-
standard Dekubitusprophylaxe in der Pflege (DNQP 2004)
entnommen.
insulinpflichtiger Diabetes mellitus bei Aufnahme
Hier bitte dokumentieren, ob beim Patienten zum Zeitpunkt
der Aufnahme ein insulinpflichtiger Diabetes mellitus vorliegt.
Dauer der Intensivbehandlung
Bitte hier die Anzahl der Tage der intensivmedizinischen
Komplexbehandlung entsprechend der Definition OPS 301,
8-980 eintragen.
Ein Tag entspricht 24 Stunden. Zählweise nach
angefangenen Tagen.
Beispiele:
30 Stunden entspricht 2 Tage
48 Stunden entspricht 2 Tage
73 Stunden entspricht 4 Tage
Alter
Tabelle 1: Risikofaktoren mit statistisch signifikantem Einfluss auf
"Dekubitus bei Entlassung Grad 2 bis 4" und "Dekubitus bei Entlassung (Grad 1 bis 4)"
Regressions-
p-Wert
Odds-Ratio
Risikofaktor
koeffizient
Konstante
-5,547
< 0,001
Keine Mikrobewegungen
bei Aufnahme
0,342
< 0,001
1,407
Diabetes mellitus
0,503
< 0,001
1,653
Alter >= 85 Jahre
0,645
< 0,001
1,906
Intensivbehandlungsdauer
1,054
< 0,001
2,870
1 bis 4 Tage
Intensivbehandlungsdauer
2,810
16,609
mind. 5 Tage
< 0,001
(Diabetes mellitus) * (Alter >= 85Jahre)
-0,147
0,029
0,864
(Diabetes mellitus) * (IBD mind. 5 Tage)
-0,207
0,013
0,813
(Alter >= 85 Jahre) * (IBD mind.5 Tage)
-0,629
< 0,001
0,533
Tabelle 2: Logistischer Dekubitus-Score I (LOGDEK-Score I):
Ergebnis der multiplen logistischen Regression für "Dekubitus bei Entlassung Grad 2 bis 4".
Bitte beachten Sie zur korrekten Anwendung und Interpretation der Regressionskoeffizienten
bzw. Odds-Ratios unbedingt die Erläuterungen im Text!
Die Ergebnisse der multiplen logistischen Regression sind in Tabelle 2 und Tabelle 3
dargestellt. Die Regressionskoeffizienten stellen dabei die in dem Modell berechneten
Gewichtungen der einzelnen Risikofaktoren dar. Mit dem Odss Ratio lässt sich
aussagen, um welchen Faktor die einzelnen Risikofaktoren die Chance erhöhen,
dass bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus Dekubitus neu entsteht.
Mit dem auf Basis der BQS-Bundesdaten 2009 berechneten logistischen Dekubitus-Score I
(Tabelle 2) kann der Einfluss der Risikofaktoren auf die Rate der Dekubitalulzera bei
Entlassung Grad 2 bis 4 berechnet werden. Die Chance, einen Dekubitus Grad 2 bis 4 neu zu
entwickeln, ist z. B. für Patienten mit Diabetes mellitus 1,653 mal höher als für Patienten
ohne Diabetes mellitus, wenn ansonsten gleiche Risiken vorliegen. Sind die Patienten zusätz-
lich älter als 84 Jahre, müssen bei der Berechnung auch die Wechselwirkungen zwischen
den Faktoren "Diabetes" und "Alter" berücksichtigt werden: Die Chance für eine Dekubitus-
neuentstehung ist damit 2,722 mal höher als bei unter 85jährigen ohne Diabetes
mellitus bei ansonsten identischen Risikoprofilen (2,722 = 1,653 x 1,906 x 0,864).
Regressions-
p-Wert
Odds-Ratio
Risikofaktor
koeffizient
Konstante
-5,023
< 0,001
Keine Mikrobewegungen
bei Aufnahme
0,367
< 0,001
1,443
Diabetes mellitus
0,493
< 0,001
1,637
Alter >= 85 Jahre
0,672
< 0,001
1,959
Intensivbehandlungsdauer
1 bis 4 Tage
1,017
< 0,001
2,766
Intensivbehandlungsdauer
mind. 5 Tage
2,644
< 0,001
14,074
(Diabetes mellitus) * (Alter >= 85Jahre)
-0,139
0,008
0,870
(Diabetes mellitus) * (IBD mind. 5 Tage)
-0,158
0,023
0,853
(Alter >= 85 Jahre) * (IBD mind.5 Tage)
-0,638
< 0,001
0,528
Tabelle 3: Logistischer Dekubitus-Score II (LOGDEK-Score II):
Ergebnis der multiplen logistischen Regression für "Dekubitus bei Entlassung (Grad 1 bis 4)".
Bitte beachten Sie zur korrekten Anwendung und Interpretation der Regressionskoeffizienten
bzw. Odds-Ratios unbedingt die Erläuterungen im Text!
Der logistische Dekubitus-Score II (ebenfalls berechnet auf Basis der BQS-Bundesdaten 2009)
bildet den Einfluss der Risikofaktoren auf die Rate von Dekubitusneuentstehungen (Grad 1 bis 4)
ab. Es lässt sich in Tabelle 3 ablesen, dass z. B. die Chance einen Dekubitus (Grad 1 bis 4)
neu zu entwickeln, für Patienten mit Diabetes mellitus 1,637 mal höher ist als für Patienten
ohne Diabetes mellitus, wenn ansonsten gleiche Risiken vorliegen.
Da sich die Odds-Ratio-Interpretation nicht direkt auf die Wahrscheinlichkeit bezieht, sondern
auf die Chance ( = Wahrscheinlichkeit / Gegenwahrscheinlichkeit), werden im folgenden zur
Berechnung der vom Patientenrisiko abhängigen erwarteten Wahrscheinlichkeiten die
Regressionskoeffizienten verwendet.
Ausgehend vom logistischen Regressionsmodell
p
ln
=
β0 + β1 * x1 + β2 * x2 + … + βn * xn
1 - p
mit den Risikofaktoren x1,..,xn (mit dem Wert '1' bei Vorliegen und ’0’ bei Nicht-Vorliegen für
die übrigen Risikofaktoren), der Konstanten und den Regressionskoeffizienten lässt sich die
Wahrscheinlichkeit p, im Verlauf des Krankenhausaufenthalts einen Dekubitus neu zu
entwickeln, nun für jeden Patienten mit vollständigen Angaben zu den Risikofaktoren unter
Berücksichtigung der jeweiligen Risikostruktur berechnen:
exp(β0 + β1 * x1 + β2 * x2 + … + βn * xn)
p
=
1 + exp(β0 + β1 * x1 + β2 * x2 + … + βn * xn)
So beträgt die erwartete Wahrscheinlichkeit, Dekubitus Grad 2 bis 4 neu zu entwickeln, für
einen Patienten ohne Mikrobewegungen bei Aufnahme und mit Diabetes mellitus, der aber
ansonsten keine Risikofaktoren aufweist (also jünger als 85 Jahre ist und nicht auf der
Intensivstation versorgt wurde) nach LOGDEK-Score I (siehe Tabelle 2):
exp(-5,547 + 0,342 + 0,503)
exp(-4,702)
p
=
=
1 + exp(-5,547 + 0,342 + 0,503)
1 + exp(-4,702)
0,0091
=
=
0,009
=
0,9%
1,0091
War der Patient zusätzlich mindestens 5 Tage auf der Intensivstation, muss nicht nur der zu
diesem Faktor gehörende Regressionskoeffizient, sondern auch der des Wechsel-
wirkungsterms (Diabetes mellitus) * (IBD mind. 5 Tage) berücksichtigt werden, so dass gilt:
exp(-5,547 + 0,342 + 0,503 + 2,810 - 0,207)
exp(-3,446)
p
=
=
1 + exp(-5,547 + 0,342 + 0,503 + 2,810 - 0,207)
1 + exp(-3,446)
0,1226
=
=
0,109
=
10,9%
1,1226
Die Wahrscheinlichkeiten, einen Dekubitus Grad 1 bis 4 neu zu entwickeln, berechnen sich
analog auf Grundlage von LOGDEK-Score II.
3. Risikoadjustierung mit dem logistischen Dekubitus-Score I (LOGDEK-Score I)
Bei der Risikoadjustierung mit LOGDEK-Score I wird die beobachtete Rate
an neu entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 eines Krankenhauses ("O" steht dabei für
"observed") mit der erwarteten Rate an neu entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 ("E"
steht für "expected") verglichen. Die Grundgesamtheit bilden alle Patienten, für die eine
vollständige Dokumentation zum LOGDEK-Score I vorliegt.
Die beobachtete Rate O an neuentwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 eines Kranken-
hauses berechnet sich als Anzahl der Patienten im Krankenhaus mit [Dekubitus bei Auf-
nahme = 0 ("kein Dekubitus bei Aufnahme") UND Grad des Dekubitus bei Entlassung >= 2]
geteilt durch die Anzahl behandelter Patienten.
Die nach der Risikostruktur seiner Patienten zu erwartende Rate E an neu entwickelten
Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 eines Krankenhauses berechnet man, indem zunächst für alle
behandelten Patienten eines Krankenhauses die nach LOGDEK-Score I
erwarteten Wahrscheinlichkeiten summiert werden (= erwartete Anzahl von neu
entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 im Krankenhaus) und diese dann ebenfalls durch
die Anzahl der Patienten teilt. Durch dieses Vorgehen werden die bei jedem Patienten
beobachteten Risikofaktoren mit berücksichtigt, und man erhält eine erwartete Rate an neu
entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4, die den jeweiligen Patientenmix eines Kranken-
hauses mit einbezieht. So liegt für ein Krankenhaus mit überdurchschnittlich vielen Hoch-
Risiko-Patienten die erwartete Rate E an neu entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4
über der bundesweit erwarteten Gesamtrate.
Als Gesamtraten bezeichnet man dabei die bundesweit beobachteten und erwarteten
Raten an neu entwickelten Dekubitalulzera. Die Berechnung erfolgt analog zur Berechnung
der beobachteten und erwarteten Raten an neu entwickelten Dekubitalulzera der einzelnen
Krankenhäuser mit dem Unterschied, dass hier alle Patienten bundesweit betrachtet werden,
für die eine vollständige Dokumentation zum LOGDEK-Score I vorliegt.
Für einen risikoadjustierten Vergleich der Krankenhäuser wird im Weiteren der Unterschied
zwischen O und E betrachtet. Der Unterschied lässt sich einerseits über die Differenz O - E
oder das Verhältnis O / E darstellen.
Die Differenz O - E ist der Anteil, der über dem erwarteten Anteil liegt. Sie kann aufgefasst
werden als absolute Abweichung der beobachteten Rate von der erwarteten Rate. Beträgt
zum Beispiel für ein Krankenhaus der nach Patientenmix erwartete Anteil E von neu
entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 3,5%, wird aber tatsächlich eine Rate von O = 4,5%
beobachtet, ist das Ergebnis um 1,0 Prozentpunkte schlechter als nach der Risikostruktur
der Patienten zu erwarten gewesen wäre. Wird eine Rate an neu entwickelten
Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 von O = 2,6% beobachtet, ist dagegen das Ergebnis des
Krankenhauses um 0,9 Prozentpunkte besser als nach dem Patientenmix erwartet.
Über das Verhältnis O / E lässt sich erkennen, wie groß die Abweichung ist, wenn man sie
in Bezug zu der erwarteten Rate setzt. Beträgt zum Beispiel E = 3,5% und sei O = 4,5%, so
ist das Ergebnis des Krankenhauses um das 1,29-fache (bzw. um 29%) schlechter als nach
dem Patientenmix zu erwarten gewesen wäre. Wird stattdessen eine Rate an neu
entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 von O = 2,6% beobachtet, beträgt das
Krankenhausergebnis dagegen das 0,74-fache des erwarteten Wertes von E = 3,5%. Das
Ergebnis wäre 26% besser als nach der Risikostruktur der Patienten zu erwarten gewesen
wäre.
Ohne Risikoadjustierung erhielte man im Beispiel für das Erfassungsjahr 2009 die
entsprechenden Ergebnisse und Interpretationen mit 4,5% / 0,8% = 5,63-fach
schlechter als im deutschen Mittel bzw. 2,6% / 0,8% = 3,25-fach besser als im
deutschen Mittel.
Über die so genannte „risikoadjustierte Rate“ (= (O / E) * Gesamtrate) kann sich das
Krankenhaus schließlich mit der Gesamtrate aller Patienten aller bundesweit teilnehmenden
Krankenhäuser vergleichen. Diese Methode, die auch vom New York State Department of
Health seit 1996 eingesetzt wird, hat den Vorteil, dass für alle teilnehmenden Krankenhäuser
die risikoadjustierten Raten berechnet werden, die erreicht würden, wenn alle
Krankenhäuser dieselben Patientenrisiken hätten. Damit werden alle Krankenhausergebnisse
direkt miteinander vergleichbar. Im Ergebnis wird für jedes Krankenhaus die Rate so
berechnet, als wenn es bezüglich aller Risikofaktoren des LOGDEK-Score I
einen Patientenmix gehabt hätte, der identisch zum im Jahre 2009 bundesweit in der
Grundgesamtheit beobachteten Patientenmix ist.
Sei z. B. die erwartete Rate an neu entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 eines
Krankenhauses E = 3,5% und die tatsächlich beobachtete Rate an neu entwickelten
Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 dieses Krankenhauses O = 3,1%. Die Gesamtrate beträgt
beispielsweise 0,8%. In dem Wert von E = 3,5% drückt sich dabei schon aus, dass ein
entsprechendes Krankenhaus A mehr Hoch-Risiko-Patienten behandelt, als im Durchschnitt
zu erwarten gewesen wäre. Um einen Vergleich mit den anderen Krankenhäusern zu
ermöglichen, wird die risikoadjustierte Rate berechnet. So ergibt sich die risikoadjustierte
Rate an neu entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 zu (3,1% / 3,5%) * 0,8% = 0,71%.
Anstelle der beobachteten Rate von 3,1% ergäbe sich hier für das Krankenhaus A eine
risikoadjustierte Rate von 0,71%. Dies wäre dann das Krankenhausergebnis, das erzielt
worden wäre, wenn es den identischen Patientenmix zur Grundgesamtheit aller im
Erfassungsjahr 2009 bundesweit teilnehmenden 1.717 Krankenhäuser gehabt hätte.
Betrachtet man ein zweites Krankenhaus B mit E = 2,5% und O = 2,7%, so berechnet sich
die risikoadjustierte Rate beispielsweise zu (2,7% / 2,5%) * 0,8% = 0,86%. Da die Patienten
dieses Krankenhauses geringere Risiken in sich tragen als im Durchschnitt zu erwarten
gewesen wäre, steigt die risikoadjustierte Rate gegenüber der beobachteten von 0,80% auf
0,86% an. Bei gleichem Patientenmix, wie er in der Grundgesamtheit aller bundesweit
teilnehmenden Krankenhäuser des Verfahrensjahres 2009 vorliegt, hätte Krankenhaus B ein
Krankenhausergebnis von 0,86% erzielt.
Ein Vergleich von Krankenhaus A mit Krankenhaus B zeigt schließlich: Betrachtet man nur
die rohen Raten an neu entwickelten Dekubitalulzera Grad 2 bis 4 würde Krankenhaus A
mit einer Rate von 3,1% schlechter dastehen als Krankenhaus B mit 2,7%. Im Krankenhaus A
werden jedoch mehr Hoch-Risiko-Patienten behandelt als im Krankenhaus B. Soll dieses
berücksichtigt werden, dann gibt die risikoadjustierte Rate Auskunft darüber, wie sich die
Ergebnisse darstellen würden, wenn beide Krankenhäuser einen identischen Patientenmix
gehabt hätten. Dabei wird ersichtlich, dass – wenn beide Krankenhäuser gleiche
Patientenrisiken gehabt hätten – Krankenhaus A ein besseres Ergebnis von 0,71% erzielt
hätte als Krankenhaus B mit 0,86%.
4. Risikoadjustierung mit dem logistischen Dekubitus-Score II (LOGDEK-Score II)
Bei der Risikoadjustierung mit dem logistischen Dekubitus-Score II wird die tatsächlich
beobachtete Rate an neu entwickelten Dekubitalulzera (Grad 1 bis 4) eines Krankenhauses
("O" für "observed") mit der erwarteten Rate an neu entwickelten Dekubitalulzera (Grad 1 bis
4) ("E" für "expected") verglichen. Grundgesamtheit sind alle Patienten, für die eine
vollständige Dokumentation zum logistischen Dekubitus-Score II vorliegt.
Die beobachtete Rate O an neu entwickelten Dekubitalulzera (Grad 1 bis 4) eines
Krankenhauses berechnet sich als Anzahl der Patienten im Krankenhaus mit
[Dekubitus bei Aufnahme = 0 ("kein Dekubitus bei Aufnahme") UND Dekubitus bei
Entlassung = 1 ("Dekubitus bei Entlassung")].
Die nach der Risikostruktur seiner Patienten zu erwartende Rate E an neu entwickelten
Dekubitalulzera (Grad 1 bis 4) eines Krankenhauses berechnet man, indem zunächst
für alle behandelten Patienten eines Krankenhauses die nach dem logistischen Dekubitus-
Score II erwarteten Wahrscheinlichkeiten summiert werden (= erwartete Anzahl von neu
entwickelten Dekubitalulzera (Grad 1 bis 4) im Krankenhaus) und diese dann ebenfalls durch
die Anzahl der Patienten teilt. Als Gesamtraten bezeichnet man hier die bundesweit
beobachteten und erwarteten Raten an neu entwickelten Dekubitalulzera (Grad 1 bis 4).
Das weitere Vorgehen erfolgt dann analog zum Vorgehen im Kapitel „Risikoadjustierung mit
dem logistischen Dekubitus-Score I (LOGDEK-Score I)“.
© BQS 2009